Boulevard mit Nebenwirkungen

Autoren: Günther Lengauer und Andreas Hacker, COMMPASS Institut für Kommunikations-Controlling
Erschienen in: www.commpass.at

COMMPASS führte eine ausgedehnte Medienresonanzanalysen zur Wehrpflicht/Berufsheer-Debatte in den österreichischen Boulevardzeitungen durch. Dabei wurden insgesamt 1.507 Medienberichte der Boulevardzeitungen Kronen Zeitung, Österreich und Heute in der Vorberichterstattungs-,  Intensivberichterstattungs- und Nachberichterstattungsphase zur Wehrpflicht-Volksbefragung 2013 inhaltsanalytisch ausgewertet.

Eine klare Mehrheit der ÖsterreicherInnen sprach sich entgegen der Tendenz in der Boulevardberichterstattung für die Beibehaltung der Wehrpflicht aus. Die ersten nicht datenbasierten Analysen der ExpertInnen und JournalistInnen zum Volksbefragungsergebnis kamen in überwältigender Mehrheit zum Schluss, dass dieses Ergebnis zeige, dass der journalistische Boulevard, allen voran die Tageszeitungen Kronen Zeitung, Österreich und Heute, gezähmt und an ihre Mobilisierungsgrenzen gestoßen wären. Als Verlierer wurden neben der SPÖ auch die Boulevardzeitungen, angeführt von der Kronen Zeitung, mit Ihrer Pro-Berufsheer-Kampagnisierung, ausgemacht.

Als einer der wenigen Experten, warnte der Politikwissenschafter und Meinungsforscher Fritz Plasser im Gespräch mit dem Kurier davor, die Macht des Boulevards angesichts des Abstimmungsergebnisses zu unterschätzen: „Ohne Kampagne, die für mich schamlos und maßlos aggressiv war, wäre das Ergebnis sicher noch eindeutiger geworden“ (Kurier, 20. Jänner 2013).

Diese Studie geht nun unter anderem der Frage nach, ob diese subjektiven Befunde auch einem eingehenden empirischen Faktencheck standhalten. Sie wird zeigen, dass die Analysten nur bedingt Recht behalten, was die Wirkungslosigkeit des Boulevards auf das Abstimmungsverhalten der ÖsterreicherInnen angeht.

Fazit: Die Studie zeigt und bestätigt eine klare inhaltliche Kampagnisierung Pro-Berufsheer bzw. Contra-Wehrpflicht in der Boulevardzeitungs-Berichterstattung, wobei die Krone am deutlichsten kampagnisiert. Insgesamt deuten aber fast 70 Prozent der in der Berichterstattung der drei Zeitungen dargestellten Positionierungen in Richtung Pro-Berufsheer bzw. Contra-Wehrpflicht. Die stärkste quantitative Kampagnisierung wird im direkten Vergleich von Österreich betrieben. Österreich publiziert von November 2012 bis zur Befragung fast 140 Seiten zur Thematik, was in Summe ca. zweieinhalb Ausgaben der Zeitung entspricht. Die Kronen Zeitung publiziert im selben Zeitraum 63 Seiten, was fast einer ganzen Ausgabe der Kronen Zeitung entspricht (0,8). Heute wiederum veröffentlicht 6,6 Seiten zum Thema, was vergleichsweise nur 0,2 Heute-Ausgaben gleichkommt.

Die Halbwertszeit der Nachberichterstattung zur Volksbefragung in den Boulevardmedien beträgt maximal 2 Tage. D.h. bereits zwei Tage nach der Volksbefragung sind mehr als 50% der gesamten Nachberichterstattung der Boulevardzeitungen publiziert. Die Nachhaltigkeit der Nachberichterstattung ist somit sehr gering. Dies gilt für alle untersuchten Boulevardzeitungen.

Die abschließenden Regressionsanalysen weisen einen direkten Einfluss der Reichweite von Heute und Österreich im jeweiligen Bundesland auf das Abstimmungsergebnis nach, selbst wenn man für den SPÖ-WählerInnen-Anteil im Bundesland kontrolliert. Je höher die Reichweite der Boulevardzeitung, desto höher auch das Pro-Berufsheer-Ergebnis. Die Boulevardberichterstattung macht somit einen signifikanten Unterschied, auch wenn der Einfluss nicht ausreicht, um das Abstimmungsergebnis zum Kippen zu bringen. Der Boulevard wirkt also doch. Ohne Boulevard-Kampagne wäre das Ergebnis noch eindeutiger Pro-Wehrpflicht ausgefallen.

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